Vor kurzem sass eine Patientin bei mir in der Sprechstunde und sagte: «Frau Doktor, ich möchte unbedingt abnehmen. Kommen Sie mir bitte nicht mit Ernährungsberatung und Sport. Ich habe schon sehr viel gemacht, es geht nicht. Ich möchte die ‹Abnehmspritze›.»
Ich habe ihr erklärt, wie die Spritze wirkt, was sie kann und was sie nicht kann. Dasselbe erkläre ich hier auch Ihnen.
Wie wirkt die «Abnehmspritze»?
Sie sorgt dafür, dass Sie schneller satt sind und länger satt bleiben.
Beim Essen bildet Ihr Darm ein Hormon, das GLP-1 heisst. Die Wirkstoffe der Abnehmspritze ahmen dieses Hormon nach, deshalb nennen wir sie GLP-1-Agonisten.
Sie geben Ihrem Gehirn das Signal, dass Sie satt sind, und das Hungergefühl wird kleiner. Gleichzeitig entleeren sich Magen und Darm langsamer, so bleibt das Sättigungsgefühl länger erhalten.
Man hat weniger Hunger und isst deshalb weniger.
Welche Wirkstoffe gibt es?
In der Schweiz werden im Moment zwei Wirkstoffe häufig verschrieben: Semaglutid und Tirzepatid.
Sie bekommen die Spritze nur mit einem ärztlichen Rezept, und davor steht eine Abklärung.
Kommt die Spritze für Sie infrage?
Infrage kommt sie bei einem BMI über 28 mit Begleiterkrankung, vor allem wenn Risikofaktoren für Herz und Kreislauf dazukommen.
Zu diesen Risikofaktoren gehören zum Beispiel ein hoher Blutdruck, eine Schlafapnoe, bei der man nachts mit einem Gerät schläft, oder zu viel Cholesterin im Blut.
Neuere Studien zeigen, dass die Spritze bei solchen Risikofaktoren auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken kann.
Ob das bei Ihnen zutrifft, klären wir in der Praxis. Ihren BMI rechnen wir dort aus Ihrem Gewicht und Ihrer Grösse aus.
Oder Rückruf anfragen, Telefon 061 385 96 96
Brauchen Sie mit der Spritze noch Ernährung und Bewegung?
Unbedingt, da die Spritze nur eine medikamentöse Unterstützung der Gewichtsreduktion ist.
Viele hoffen, dass die Spritze die Arbeit allein macht. Tatsächlich ist eine ausgewogene Ernährung wichtig, weil Ihr Körper beim Abnehmen sonst neben Fett auch Muskeln verliert.
Körperliche Aktivität und Sport helfen, die Muskeln zu erhalten und aufzubauen. Wenn Sie das schon oft gehört haben und es bisher nicht gereicht hat, ist das kein Vorwurf an Sie. Die Spritze kann Sie dabei unterstützen, ersetzen kann sie beides sicher nicht.
Welche Nebenwirkungen hat die Spritze?
Die Nebenwirkungen können unangenehm sein, sind aber meist nicht gefährlich. Am häufigsten sind Übelkeit, Blähungen, Völlegefühl und Durchfall.
Seltener bilden sich Gallensteine, und manchmal kommt es zu Haarausfall.
Ich sage Ihnen das nicht, um Ihnen Angst zu machen. Wenn Sie wissen, was kommen kann, erkennen Sie es früh. Melden Sie sich dann in der Praxis, und wir besprechen gemeinsam, wie es weitergeht.
Wie lange dauert die Behandlung?
Nach heutigem Wissen ist sie eine Behandlung auf Dauer.
Bis jetzt gibt es keine Studien, die zeigen, dass man die Spritze wieder absetzen kann, ohne dass das Gewicht zurückkommt.
Viele setzen sie trotzdem ab, meistens weil sie die Kosten nicht mehr tragen können. Deshalb lohnt es sich, schon am Anfang an die Zeit danach zu denken. Was Sie in dieser Zeit an Ernährung und Bewegung aufbauen, bleibt Ihnen auch ohne Spritze.
Zahlt die Krankenkasse die Spritze?
Nur unter strengen Bedingungen. Dafür werden Patientinnen und Patienten einem Adipositaszentrum zugewiesen. Einige bezahlen sie deshalb selbst.
Ob diese Bedingungen bei Ihnen erfüllt sind, schaue ich mit Ihnen an. Weil die Behandlung dauerhaft ist, lohnt es sich, die Kosten von Anfang an mitzudenken.
Was passiert, wenn Sie zu mir kommen?
Zuerst schauen wir gemeinsam, ob die Spritze für Sie überhaupt infrage kommt.
Dazu gehören Ihr Gewicht, Ihre Grösse und Ihre Risikofaktoren, zum Beispiel Blutdruck und Cholesterin. Das Blut nehmen wir direkt in der Praxis ab.
Ich erkläre Ihnen, was die Spritze kann und was sie nicht kann, und wir besprechen, wie Ernährung und Bewegung in Ihren Alltag passen.
Die Patientin vom Anfang gönnt sich jetzt Bedenkzeit, und zur Ernährungsberatung geht sie jetzt doch.
Über die Autorin
Dr. med. Elianne Kassi
Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin FMH, über zwanzig Jahre Erfahrung. Sie führt die Hausarztpraxis an der Elsässerstrasse in Basel St. Johann und spricht Deutsch, Französisch, Englisch und Medumba.
Mehr über die PraxisDieser Beitrag ersetzt keine Untersuchung in der Praxis.