Einen Satz höre ich in der Sprechstunde immer wieder, oft mit etwas Stolz: «Schauen Sie, Frau Doktor, ich trinke keine Cola mehr, kein Rivella mehr, keine Fanta mehr.» Und trotzdem geht der Zucker nicht runter.
In so einem Fall beginne ich damit zu fragen, wie und was jemand an einem ganz gewöhnlichen Tag isst und trinkt. Bei einem Patienten kam so der Smoothie heraus. Den nahm er jeden Tag mit, gemacht aus einer Banane, drei Mandarinen und einer Mango.
Das ist schon eine Zuckerbombe. Nur sieht man es dem Glas nicht an.
Machen Sie etwas falsch?
Wahrscheinlich nicht, jedenfalls nichts, das Sie selbst bemerken könnten. Sie lassen den sichtbaren Zucker weg, nehmen den versteckten aber trotzdem zu sich, über Getränke und Speisen, die gesund wirken.
Wer auf Softdrinks und Süsses verzichtet, hat schon viel geschafft. Umso mehr ist es ärgerlich, wenn der Wert bei der nächsten Kontrolle trotzdem nicht herunterfällt. Diesen Frust höre ich oft, und ich kann ihn gut verstehen.
Ist ein Smoothie nicht gesund?
Für Ihren Zucker oft nicht. In einem Glas trinken Sie mehr Früchte auf einmal, als Sie am Stück essen würden, und Früchte enthalten nun mal Fruchtzucker.
Wer isst schon eine Banane, drei Mandarinen und eine Mango hintereinander? Im Glas sind sie in ein paar Minuten getrunken, und mit ihnen ihr ganzer Zucker.
Mein Patient hatte den Zucker also nicht weggelassen, er trank ihn nur in anderer Form. Vorwerfen kann ich ihm das nicht, ein Smoothie sieht nun einmal nach der gesunden Wahl aus.
Wo steckt sonst noch Zucker?
Oft in Getränken, die als gute Wahl gelten: Fruchtsaft, Süssmost oder Sirup im Wasser.
Wo Sie sich Ihren Zucker holen, finden wir erst heraus, wenn wir Ihren Alltag gemeinsam anschauen. Bei dem einen ist es der Orangensaft zum Frühstück, bei der anderen der Sirup, der den ganzen Tag im Wasser mitläuft.
Was dürfen Sie überhaupt noch essen?
Mehr, als Sie vielleicht befürchten. Ich zeige Ihnen, wo der Zucker steckt, und Sie entscheiden, was Sie ändern möchten.
Man muss ja nicht gleich alles verbieten, dies nicht und das nicht mehr, denn solche Verbote kann im Alltag kaum jemand durchhalten.
Wer dagegen weiss, woher sein Zucker kommt, dem fällt es leichter, Änderungen umzusetzen, die zum jeweiligen Leben passen. Wir beginnen mit einer Sache, und Sie müssen nicht alles auf einmal umstellen.
Woran merken Sie, dass Ihr Zucker zu hoch ist?
Oft an Dingen, die man leicht auf den Alltag schiebt: grosser Durst, häufig aufs WC, auch nachts, und eine Müdigkeit, die auch nach einer guten Nacht bleibt.
Viele erklären sich das lange anders, mit Stress, mit der trockenen Heizungsluft oder mit den Kindern. Und nachts einmal aufstehen, das war doch schon immer so. Solange nichts weh tut, schiebt man es weg, und ein zu hoher Zucker tut nicht weh.
Weitere Symptome sind zeitweise verschwommenes Sehen, kleine Wunden, die ungewöhnlich lange heilen, oder Infekte, die immer wiederkommen, etwa an der Blase oder als Pilzinfektion. Manche nehmen auch ab, ohne es zu wollen. Und manchmal merkt man gar nichts, dann fällt der Zucker erst bei einer Kontrolle auf.
Wenn zu grossem Durst Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen kommen, oder wenn Sie ungewöhnlich schläfrig und verwirrt sind, kann der Zucker gefährlich hoch sein. Dann rufen Sie bitte sofort an, ausserhalb der Sprechzeiten die Notfallzentrale unter 061 261 15 15, in einem schweren Fall die Sanität unter 144.
Ohne solche Warnzeichen reicht ein gewöhnlicher Termin aus. Wenn Ihnen etwas davon bekannt vorkommt, ist das Grund genug, Ihren Zucker messen zu lassen.
Oder Rückruf anfragen, Telefon 061 385 96 96
Wann sollten Sie Ihren Zucker messen lassen?
Wenn Sie Anzeichen wie grossen Durst oder anhaltende Müdigkeit bemerken. Auch ohne Anzeichen lohnt sich eine Messung, wenn Diabetes in Ihrer Familie vorkommt, wenn Sie deutlich Übergewicht haben, wenn Sie sich wenig bewegen oder wenn ein früherer Wert schon erhöht war.
Dafür reicht eine Blutentnahme, direkt in der Praxis.
Was passiert, wenn Sie zu mir kommen?
Zuerst frage ich Sie, wie Sie an einem ganz normalen Tag essen und trinken. Dabei suchen wir gemeinsam den versteckten Zucker in Ihrem Alltag.
Sie dürfen dabei ehrlich sein, auch was den Kuchen am Nachmittag angeht. Ich frage, damit ich verstehe, wie Ihr Tag aussieht. Schimpfen gehört nicht dazu.
Eine pauschale Antwort gibt es bei mir nicht, denn jeder Fall ist anders. Es kommt immer auf den Menschen an, der mir gegenübersitzt.
Ob eine Änderung wirkt, zeigt Ihr Langzeitzucker bei der nächsten Kontrolle.
Über die Autorin
Dr. med. Elianne Kassi
Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin FMH, über zwanzig Jahre Erfahrung. Sie führt die Hausarztpraxis an der Elsässerstrasse in Basel St. Johann und spricht Deutsch, Französisch, Englisch und Medumba.
Mehr über die PraxisDieser Beitrag ersetzt keine Untersuchung in der Praxis.